Dorfladen in Niersteins Ortsmitte?

Ob und wie ein Ladengeschäft realisiert werden kann ist noch offen. Doch es gibt Pläne, Gespräche und auch eine Machbarkeitsstudie für einen sozialen Treffpunkt mit Nahversorgung im Zentrum Niersteins. Und alle Beteiligten sind positiv gestimmt.

Dorfladen in Niersteins Ortsmitte?

So manche andere Gemeinde schaut ein wenig neidisch auf die belebte und mit viel gastronomischem Angebot bestückte Stadtmitte Niersteins. Die Zeiten aktuell sind zwar schwierig, doch es wird irgendwann wieder besser und dann trifft man sich – in Niersteins Zentrum.

Aber: Kein Angebot für den täglichen Bedarf an Lebensmitteln

Was tun, wenn gerade die Eier aus sind? Der Zucker alle und keine Nudeln da? Da müssen sich die Anwohner ins Auto setzen und an den Stadtrand fahren. Im Hinblick auf die demographischen Entwicklungen, d.h. dem immer größer werdenden Anteil älterer Menschen, aber auch solchen, die nicht motorisiert oder die körperlich eingeschränkt sind, wird das zunehmend zum Problem. Entweder übernehmen Angehörige die Besorgungen oder es gibt den wöchentlichen Großeinkauf mit dem Familienauto.

Jede Betriebsschließung, ob Bäcker oder Metzger verschärft das Problem. Diesen Umstand beobachtet Norbert Engel, Beigeordneter für Soziales und Verkehr der Stadt Nierstein seit geraumer Zeit. Es ist sein erklärtes Ziel hier entgegenzuwirken und das (Einkaufs-)Leben in den Ortskern zurückzuholen. Für diesen Zweck ideal erscheint das Erdgeschoss, indem sich die Metzgerei Luckas (früher Dämgen) befand. Der Kontakt zu Carsten Ahr, dem Eigentümer der Immobilie, ist bereits geknüpft und erste Gespräche verliefen positiv. Doch wie genau könnte ein Modell für Nierstein nun aussehen?

Der gute alte Tante-Emma-Laden

Selbst die, die nie einen erlebten, haben vor ihrem inneren Auge das Bild eines heimeligen Ladengeschäftes mit Brotgefüllten Holzkörben, Bonbongläsern auf dem Tresen, Mehl und Zucker in den Regalen und Schubladen gefüllt mit Haushaltswaren und Kleinkram. Auch wenn behauptet wird, dass dieses Model ein Revival erlebt, so ist der gute alte Tante-Emma-Laden meist wenig rentabel. In einigen Gemeinden übernehmen die Rolle der Nahversorgung mittlerweile die Dorfläden. Zentral im Ort gelegen, heimelig gestaltet, sozialer Treffpunkt und eben Einkaufsmöglichkeit für Grundnahrungsmittel. Meist im Ehrenamt, als Bürgerverein und ohne Gewinnabsicht auf die Beine gestellt, mit Crowdfunding Startkapital gesammelt und mit Fördergeldern unterstützt.

Hätte ein Dorfladen in Nierstein eine Chance?

Dieser Frage wollte Engel auf den Grund gehen. So beauftragte er im Herbst 2020 Unternehmensberater Volker Bulitta, der mit dem Beratungsprogramm „M.Punkt RLP – Mach dein Dorf“ (gefördert durch das Ministerium des Innern und für Sport RLP) eine Machbarkeitsstudie für einen Niersteiner Dorfladen durchführte. Mit einem Ergebnis, das Alle recht positiv stimmt.

Die Gegebenheiten vor Ort sowie die Einschätzung der Anwohner wurden im Rahmen einer Umfrage im Ortskern geprüft. 1800 Haushalte wurde zur Befragung eingeladen. Die Rückläuferquote hätte besser sein können (18%), doch die enthaltenen Informationen waren deutlich.

Es zeigte sich, dass die Anwohner einen deutlichen Bedarf an einem umfangreicheren Nahversorgungsangebot in der Ortsmitte wünschen. Man erhofft sich Produkte aus regionaler Erzeugung, in einem hohen Anteil in Bioqualität sowie – wenn möglich – auch unverpackt. Deutlich wurde, dass sich die Befragten neben der Nahversorgung auch einen sozialen Treffpunkt und insbesondere das Angebot einer Buchhandlung wünschen.

Norbert Engel freut besonders, dass direkt viele der Rückläufer mit Angeboten zur ehrenamtlichen Mitarbeit und sogar finanziellen Unterstützung versehen waren. Für ihn ist klar, dass ein möglicher Dorfladen Treffpunktcharakter haben muss, er sollte mit einem schönen Ambiente zum Verweilen einladen und vielleicht ein kleines gastronomisches Angebot mitbringen. Man sollte sich auf einen Kaffee verabreden können, an der Theke ein Schwätzchen halten und die Nachbarn treffen.

Während die Machbarkeitsstudie lief, war Engel auch mehrfach in Rheinland-Pfalz unterwegs und hat sich Dorfläden angeschaut. Eines wurde ihm dabei bewusst. Für einen rein ehrenamtlich organisierten Dorfladen ist Nierstein zu groß. In einer 1000 Seelengemeinde ist der Zusammenhalt und damit auch der „soziale Druck“ sich dauerhaft und zuverlässig zu engagieren deutlich größer als in einer Stadt mit rund 8.500 Einwohnern und der Weitläufigkeit Niersteins.

„Unverpackt Rheinhessen“ auch in Nierstein?

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf war Engel besonders neugierig auf die Neugründung von „Unverpackt Rheinhessen“. Die Gründer*innen Koss und Ziegler starteten im März 2021 mit ihrem Ladenkonzept in Nieder-Olm. Mit einem Crowdfunding erhielten die Gründer nicht nur einen Teil ihres Startkapitals, sondern Informationen darüber, ob genügend Interesse seitens der Konsumenten an einem Unverpackt-Laden für Rheinhessen bestand. Nicht nur das Crowdfunding lief erfolgreich – der generelle Zuspruch und das Interesse zeigt, dass der Bedarf da ist. Das Angebot von „Unverpackt Rheinhessen“ geht von zahlreichen Trockenprodukten (Nudeln, Reis, Hülsenfrüchte, Müsli etc.) über Süßigkeiten, Gewürze, Trockenfrüchte hinzu Ölen, Lotionen oder auch Reinigungsmittel. Wann immer möglich in Bioqualität. Es gibt ein kleines Angebot an frischen Milchprodukten und es bestehen Kooperationen mit regionalen Bäckereien für frische Backwaren, Metzgereien (Wurst in der Dose) und Eiern von glücklichen Hühnern.

Gespräche und Planungen laufen

Norbert Engel und Carsten Ahr sind mit dem Ehepaar Koss sowie Gabriele Ziegler, den Gründern von „Unverpackt Rheinhessen“ im Gespräch. Die Jungunternehmer haben grundsätzlich Interesse als Betreiber einer Unverpackt Rheinhessen - Zweigestelle eine Art Dorfladen in Nierstein zu eröffnen. Rebecca Koss zeigt sich begeistert von den Möglichkeiten, die sich in den angedachten Räumen auch im Hinblick auf einen sozialen Treffpunkt eröffnen. Durch ihren bisherigen Werdegang ist sie prädestiniert zur Umsetzung einer solchen Idee. Doch bisher werden lediglich Gespräche geführt und die Niersteiner müssen sich in Geduld üben und die weitere Planung abwarten. Wir bei RheinSelz-Highlights sind gespannt und werden wieder berichten!

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