Bundespräsident gibt Startschuss zum Reformationsjubiläum in Worms

Mit einem digitalen Festakt beginnen die Feierlichkeiten anlässlich der Widerrufsverweigerung Martin Luthers vor dem Wormser Reichstag 1521.

Bundespräsident gibt Startschuss zum Reformationsjubiläum in Worms

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Heinrich Bedford-Strohm, der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf sowie der Wormser Oberbürgermeister Adolf Kessel gedachten im Rahmen eines Festakts am Freitag, 16. April, der Widerrufsverweigerung Martin Luthers vor dem Wormser Reichstag 1521. Die Veranstaltung, die aufgrund der Corona-Pandemie nur digital stattfand, stellt den Startschuss für eine Vielzahl an Veranstaltungen dar, mit der Kirche und Stadt in diesem Jahr dieses Ereignis mit welthistorischer Bedeutung feiern. So gewährte der Intendant der Nibelungen-Festspiele, Nico Hofmann, einen Einblick in das diesjährige „Luther“-Stück von Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss. Die Festrede hielt der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann, der als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats die Wormser Landesausstellung „Hier stehe ich. Gewissen und Protest – 1521 bis 2021“ mitentwickelte. Die Moderation übernahm die Journalistin Petra Gerster.

Bundespräsident Steinmeier würdigte beim Festakt das historische Jubiläum in einer Videobotschaft und sagte: „Wir gedenken einer europäischen Sternstunde des erwachten individuellen Gewissens. Ja, nicht nur für uns Deutsche, die Martin Luther in den vergangenen Jahrhunderten auf sehr verschiedene Weise geehrt, interpretiert und auch instrumentalisiert haben – nein, für ganz Europa und für die Welt bleiben diese Stunden und Tage von Worms vor fünfhundert Jahren eine kostbare, eine prägende Erinnerung.“

Ministerpräsidentin Malu Dreyer unterstrich im Gespräch mit Petra Gerster die Bedeutung von Rheinland-Pfalz als Kernland der Reformation. Luthers Widerrufsverweigerung nannte sie ein Weltereignis mit nachhaltiger Wirkung. „Sein Mut und seine Haltung faszinieren bis heute. Die Freiheit des Gewissens und der persönlichen Verantwortung haben dabei aus meiner Sicht zeitlos den höchsten Stellenwert. Das gilt in der gegenwärtigen Situation der Corona-Pandemie, aber auch darüber hinaus. In unserem Land sind immer wieder Menschen mutig für ihre Haltung und ihre Überzeugungen eingetreten. Dafür waren sie auch bereit, einen Preis zu zahlen, der von Flucht, Migration bis hin zum Verlust von Heimat, oder sogar des Lebens reichen konnte. Auch die drei belarussischen Bürgerrechtlerinnen, denen in diesem Jahr der Lutherpreis „das unerschrockene Wort“ verliehen wird, sind ein hohes Risiko eingegangen, um in ihrer Heimat friedlich für politische Veränderung, Demokratie und Rechtstaatlichkeit einzutreten. Jede Zeit braucht Menschen, die Zivilcourage zeigen“, so die Ministerpräsidentin.

Der Wormser Oberbürgermeister Adolf Kessel begrüßte die prominenten Gäste sowie die Zuschauenden zuhause vor den Bildschirmen: „Heute vor 500 Jahren kam Martin Luther in Worms an, um auf dem Reichstag öffentlich für seine Ansichten einzutreten. Sein Auftritt gilt als historisches Ereignis von Weltrang und als bedeutendes Beispiel für Zivilcourage. Der Stadt Worms und mir ist es eine große Ehre, dem 500. Jubiläum dieses besonderen Ereignisses heute gemeinsam mit dem Bundespräsidenten, der Ministerpräsidentin, den Kirchenvertretern und vielen weiteren Akteuren zu gedenken – wenn auch leider ohne Besucher vor Ort. Wir hoffen sehr, dass es die Pandemie zulässt und wir im Jahresverlauf noch gemeinsam mit den Menschen hier in Worms feiern dürfen. Ein umfangreiches Jahresprogramm vieler institutioneller und ehrenamtlicher Partner ist vorbereitet. Bereits das Stattfinden der heutigen Veranstaltung in der gewählten Form hat gezeigt, dass wir viele Mitstreitende haben, die gemeinsam ein Ziel verfolgen – das Luther-Jahr in Worms zu feiern“, so Kessel.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Heinrich Bedford-Strohm und der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf sprachen darüber, welche Bedeutung Luthers Widerrufsverweigerung für die heutige Gesellschaft hat: „Luthers Auftritt vor dem Kaiser auf dem Reichstag zu Worms hat Weltgeschichte geschrieben. Wie Luther seinem im Glauben gegründeten Gewissen zu folgen, auch da, wo es etwas kostet, ist eine Haltung, die aktueller ist denn je. Aus der Freiheit eines Christenmenschen leben, heißt für Luther aus dem Glauben heraus Nächstenliebe zu üben. Davon brauchen wir auch heute viel mehr!“, so Bedford-Strohm.

In seiner Festrede zur Veranstaltung rekonstruierte Thomas Kaufmann den Ablauf der Lutherverhandlungen und stellte in Bezug auf Luthers Anliegen fest: „Es ging um das Recht des offenen Diskurses. Es ging darum, einer Auseinandersetzung gewürdigt zu werden. Luther rebellierte mit Feuereifer gegen einen unnahbaren Machtapparat, der ihn mit allen verfügbaren Mitteln kalt zu stellen versuchte. Er bestand darauf, durch Schriftzeugnisse oder klare Vernunftgründe widerlegt zu werden. Er bestand darauf, ernst genommen zu werden. In seiner Widerrufsverweigerung liegt emanzipatorisches Potential.“

Der digitale Festakt bildet den Auftakt in das große Jubiläumsjahr, welches die Evangelische Kirche und die Stadt Worms mit zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen begehen.

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